Geschichte

Gründung des Vereins am 08. Juli 1930

Verein_titel

Der Tegeler See und insbesondere die Bucht am Nordende des Sees, die Große Malche und das Freibad waren bei den Berlinern als Ausflugsziel beliebt. Zahlreiche Ausflugslokale hatten sich dort etabliert. Um von der Uferstraße (heute: Greenwichpromenade) dahin zu kommen musste man das Tegeler Fließ überqueren. Der ansässige Fischer Siebert verdiente sich mit dem Übersetzen der Wanderer über das Fließ mit seinem Kahn ein Zubrot. Wie bei einigen anderen Brücken und Fähren in Berlin war eine Gebühr von einem halben Groschen zu zahlen Mit der Einführung des Dezimalsystems waren dies fünf Pfennige, die aber weiterhin als „Sechser“ bezeichnet wurden. Die zunehmende Zahl der Ausflügler konnte Siebert mit seinem Kahn nicht mehr schaffen und kam auf die Idee, eine kleine Holzbrücke über das Fließ zu bauen, für die jeder, der sie überqueren wollte bezahlen musste.
Zu Beginn des Jahrhunderts wurde der Tegeler Hafen für den Umschlag von Kohle, Ziegel und Baustoffen für den Wohnungsbau im Nordwesten von Berlin und als zusätzlicher Hafen für die Borsig – Werke ausgebaut. Mit der Erweiterung des Hafens beschloss die Gemeinde Tegel eine neue Brücke mit einer Stahlkonstruktion zu bauen, die auch die neue Hafeneinfahrt überspannen sollte. Der Brückenzoll betrug weiterhin einen Sechser und gab aus Gewohnheit heraus der Brücke ihren Namen. Rechterhand vor der Sechserbrücke befand sich schon damals der Bootsverleih Mühl.
Sportbegeisterte kamen auf die Idee, sich im Kanufahren auszuprobieren. Englische Studenten hatten um die Jahrhundertwende die ersten Kajaks mit nach Deutschland gebracht und die damals noch neuen Sportart bekannt gemacht. Auf der anderen Seite der Sechser- Brücke, am Tegeler Fliess fanden die Sportler ideale Bedingungen vor. Die Boote bauten zu dieser Zeit aus Holz und Segeltuch noch selbst. Die Boote wurden im Tegeler Eiskeller untergestellt. Die Kanu-Enthusiasten schlossen sich in den 1920er Jahren zusammen und gründeten 1921 in Spandau den Verein Märkischer Wassersportler (VMW), dem auch Tegeler Kanufahrer als Ortsgruppe beitraten. Einige der Wanderpaddler gründeten 1924 Paddelclub Gut Nass Tegel, im Jahr danach verließen die anderen Tegeler den VMW und schlossen sich im Tegeler Kanuverein zusammen.
In dieser Zeit wurde auch die Reichsbanner-Wassersport-Abteilung (RWA) gegründet und ein erstes Bootshaus der RWA auf der Wilke – Straße, links vor der Sechserbrücke gebaut. Heute stehen dort Wohnblöcke.
Die Gründung des Wassersportclubs Blau-Weiß Tegel geht auf den Protest einer Gruppe von Sportlern der RWA zurück, die sich bei der Kanuregatta um den „Wanderpreis der Stadt Berlin“ unfair behandelt fühlten. Obwohl die Sportler im Zweierkajak als Erste die Ziellinie passierten wurden sie wegen des fehlenden Paddelschlags bei der Zielpassage auf Platz drei zurückgestuft. Die Sportler nahmen bei der Siegerehrung keinen der gewonnen Preise an. Daraufhin wurden sie vom Vorsitzenden heftig angegriffen, was zum Austritt von etwa 32 Sportlern führte, die sich in einem neuen Verein zusammenfanden.

Die ersten Jahre

Die Zeit der ersten Jahre unseres Vereins war politisch schwierig. Die Nationalsozialisten sahen Sport als Ertüchtigung für die Wehrfähigkeit an. Den Vereinen wurde die „völkische“ Idee und Sprache aufgezwungen. Trotz der erklärten politischen Neutralität der Mitglieder musste auch unser Verein dem „Reichsbund für Leibesübungen“ beitreten und wurde, wie alle anderen auch, zwangsweise dem Reichs-Fachamt für Kanusport unterstellt.
Während dieser Zeit musste unser Verein einen schweren Schlag verkraften: am 27.April 1937 brannte das Bootshaus, ohne dass die Tegeler Feuerwehr wegen der schlechten Zugänglichkeit des Bootshauses viel tun konnte.
Noch im gleichen Jahr wurde mit Hilfe aller Mitglieder in eigener Arbeit ein neues Bootshaus gebaut und im September fertiggestellt. Dieses Bootshaus ist heute noch der wichtigste Platz für Lagerung der Boote unseres Vereins.
Neben dem Wanderpaddeln wurde bei Blau-Weiß Kanufahren von Beginn an auch als Sport gesehen und für die Wettkämpfe trainiert. Auch in den schwierigen Zeiten vor und während des Krieges war unser Verein sportlich sehr erfolgreich. Armin Fritz wurde 1938 Deutscher Meister im Einer-Kajak. Im Jahr 1943 gewannen Franz Lüdicke und Werner Runge die Deutsche Meisterschaft im Zweierkajak.

Nachkriegszeit – Wiederaufbau und erste Erfolge

Nach dem Krieg wurden durch die Besatzungsmächte zunächst alle durch den Nationalsozialismus beeinflussten Organisationen in Deutschland aufgelöst, darunter auch das Fachamt für Kanusport und alle Kanuvereine. Damit konnte Blau-Weiß erst einmal offiziell als Verein für kurze Zeit nicht weiter bestehen.
Die westlichen Alliierten hatten schon bald nach Kriegsende ein Interesse am Wiederaufbau Deutschlands als wirtschaftlich stabilen Einflussbereich gegen die von der Sowjetunion kontrollierten Gebiete und als Absatzmarkt. Dazu gehörte auch, wieder Sportvereine zu zulassen, wenn diese frei von politischen Bestrebungen waren. Die Briten als „Erfinder“ des Kanusports hatten ein Interesse an den Kanuvereinen, so dass in Nordwestdeutschland sich schon bald wieder Vereine neu gründeten, z.B. in Duisburg, Essen und Wuppertal, wo bereits 1946 wieder erste Regatten stattfanden.
Berlin war zwischen den vier Besatzungsmächten in Sektoren aufgeteilt. Die drei westlichen Sektoren fanden bereits 1946 zusammen, so dass ein Ost- und ein Westteil entstanden. Der Bezirk Reinickendorf gehörte zum französischen Sektor. Auch in Berlin wurden schrittweise wieder Sportvereine zugelassen, im Osten wie im Westen. Die ersten Berliner Nachkriegsmeisterschaften im Kanusport wurden 1948 auf der Dahme vor Köpenick ausgetragen. Der Wassersportclub Blau-Weiß Tegel erhielt am 01. August 1949 durch den Magistrat der Stadt Berlin mit Zustimmung der Alliierten Kommandantur die Zulassung und wurde am 7. September 1949 wieder gegründet. Auf der Gründungsversammlung wurden 86 Mitglieder in den neuen Verein aufgenommen.
Diese Zeit war auch für unseren Verein eine Zeit des Wiederaufbaus. Vieles war zerstört und musste mit den sehr knappen Mittel wieder mit eigenen Kräften durch die Vereinsmitglieder aufgebaut und instandgesetzt werden, Boots- und Clubhaus und die Stege. Auch die Boote wurden weiterhin selbst gebaut, meist in Klinkerbauweise mit Holzschindeln. Diese Schindel-Boote waren noch bis in die 1950er Jahre dominierend, bis neue Holztechniken und ab 1970er Jahre die Kunststoffboote die Vorherrschaft übernahmen. Übrigens gab es damals noch keine Bootssitze. Die Sportler legten ein Haferkissen oder als Luxusvariante einen Sitz aus Korkplatten auf die Latten des Bootsbodens. Im Jahr 1952 wurde der Holzbau des Clubhauses durch Mauerwerk ersetzt und das Clubhaus gebaut, wie wir es heute noch nutzen. Lediglich der Anbau am Eingang kam 2014 neu hinzu. Die Mauerziegel für den Bau wurden zum Teil mit Paddelbooten vom Borsig – Damm herangeholt.
Auch in der Nachkriegszeit wurde bei Blau-Weiß weiter für die Wettkämpfe trainiert mit Erfolgen unserer Sportler bei den Deutschen Meisterschaften: Horst Brieger und Klaus Thieme 1952 und 1953 im Zweierkajak, und Hartmut Breuer, Peter Scholz, Lutz Salcher und Peter Lengler 1957 im Vierer-Kajak.
In den 1950er Jahren hatte sich unser Verein insbesondere im Sportbereich sehr gut entwickelt. Neue Mitglieder traten ein. Zu Jahresbeginn 1957 kamen die Kanurennsportler vom ehemaligen Segel- und Motorsportklub Nixe zu uns. Blau-Weiß hatte damit eine beachtliche Sportmannschaft sowohl im Herren- als auch im Damenbereich. Dies waren die goldenen Zeiten unseres Vereins, in denen viele Medaillen und Pokale gewonnen wurden.
Ein herausragender Sportler dieser Zeit war Günter Krüger aus unserem Verein, der bis 1958 zwanzigmal Berliner Meister wurde, allein bei den Meisterschaften 1958 vier Berliner Meistertitel holte. Blau – Weiß Tegel war der stärkste Kanuverein in Berlin und der näheren Umgebung, mit über 750 Regattasiegen zwischen 1930 und 1958.
Wesentlichen Anteil an den Leistungen der Aktiven von Blau-Weiß hatte in den Nachkriegsjahren Herbert Pluschke, der als alleiniger Trainer die riesige Mannschaft, die in jeder Klasse, Männer, Frauen, Jungen und Mädchen zwei leistungsstarke Viererteams umfasste, mit seinem Klinkerboot mit Außenbordmotor zu Höchstleistungen brachte. Als selbstständiger Fleischermeister hat er mit so manchem „Wurstpaket“ zur Stärkung der Sportler beigetragen.

Weiterhin erfolgreich: 1960 bis Anfang 2000

Mit Erich Prewitz, der als Trainer zu Blau – Weiß kam wurde das Training anspruchsvoller. Erich war aktiv am Aufbau des Köpenicker Kanuklubs beteiligt gewesen, und als Sportler und Trainer erfolgreich. Er war fit in allen Kanuthemen und hatte eigene Erfolge und Erfahrungen. Erich führte das Krafttraining ein, legte Wert auf die Paddeltechnik und mehr Disziplin beim Training, manchmal nicht ohne Widerstand. Da sich der Verein keine teuren Eisenhanteln leisten konnte, kam Erich als gelernter Mauerer auf die Idee zwei Einer mit Beton zu füllen und an einer Eisenstange als Gewicht zu befestigen. Erich hat die jungen Männer und Frauen sehr erfolgreich trainiert, konsequent, mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen. Die Erfolge aus seiner Zeit als Trainer sprechen für sich. Neben Erich hat „Hanne“ Wittnebel, der selbst nie gepaddelt hat, über viele Jahre erfolgreiche Trainerarbeit geleistet.
Im Jahr 1961 wurden unsere Damen Heidrun Schreiber, Marianne Wurzler, Renate Müller und Sabine Kayser Deutscher Meisterinnen im Vierer-Kajak.
1983 gewannen Jörn Strehlow, Peter-Hendrik Muhs, Knut Ulrich und Mike Dietel die Deutsche Meisterschaft im Vierer-Kajak. 1988 wurde Jessica Rogge Deutsche Meisterin.
Insgesamt 20 Deutsche Meister gingen zwischen 1938 und 2002 aus unserem Verein hervor. Neben dem Sport bildeten die Wanderfahrer eine verschworene Gemeinschaft und haben viel gemeinsam unternommen, auch wenn sie für Fahrten außerhalb der ab 1961 geschlossenen Grenze Westberlins weite Anreisewege nehmen mussten, per Bahn mit dem Faltboot im Gepäck. Unter diesen Bedingungen ist die ohnehin schon herausragende Leistung von Inge und Klaus Basche besonders zu würdigen, die es über die Jahre geschafft haben über 40.000 km zu paddeln.